Kindchenschema

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Kinder haben charakteristische Gesichtszüge, die bei Erwachsenen die Bereitschaft verstärken, sie zu beschützen.

Das Kindchenschema bezeichnet die bei Menschen und bei vielen höheren Tierarten vorkommenden kindlichen Proportionen, die als Schlüsselreiz wirken und Fürsorgeverhalten und Kümmerungsverhalten auslösen, wodurch gerade im Tierreich gewährleistet ist, dass sich die Eltern um ihre Jungen kümmern, sie beschützen und großziehen. Die Evolution der höheren Arten verlangte bei der lange dauernden Großzucht zur Selbständigkeit einen Mechanismus, um die Eltern an das Kind zu binden.

Evolutionsbiologischer Nutzen[Bearbeiten]

Die Änderung der Gesichtsproportionen beim Säugling, Kind und Erwachsenen

1943 postulierte Konrad Lorenz den Begriff Kindchenschema als Bezeichnung eines Merkmalaggregats des Kleinkindergesichts. Zu diesen Merkmalen zählt ein großer Kopf, eine große Stirnregion und damit einhergehend eine relativ weit unten liegende Platzierung der Gesichtsmerkmale. Darüber hinaus zählen große, runde Augen, eine kleine Nase, ein kleines Kinn, rundliche Wangen und eine elastische, weiche Haut zu den Charakteristika. Der kindliche Kopf ist im Vergleich zum Körper größer als beim Erwachsenen, und die Gliedmaßen (Arme, Beine, Finger) sind kürzer.

Evolutionsbiologisch betrachtet bedeutet dieses Aussehen für Kinder einen Vorteil. Die Eltern erkennen durch diese Merkmale die Schwäche und Hilfsbedürftigkeit des Heranwachsenden und werden dadurch zu Schutz- und Pflegeverhalten animiert. Dass dies funktioniert, wies Thomas Alley 1983 nach: Erwachsene verhalten sich gegenüber kindchenschemagerechten Merkmalen stärker schützend, fürsorglicher und weniger aggressiv, als sie sich gegenüber Merkmalen älterer Individuen verhalten.

Das Gegenstück zum Kindchenschema – die erwachsenen Proportionen, insbesondere Gesichtsproportionen – wird als das Mutterschema bezeichnet, das bei Kleinkindern Vertrauen und Klammern auslöst.

Beispiele aus dem Tierreich[Bearbeiten]

Das Kindchenschema gibt es genauso wie beim Menschen auch im Tierreich. Jungtiere fast aller Tierarten werden nicht nur von ihren älteren Artgenossen, sondern auch vom Menschen mit besonderer Fürsorge bedacht, wenn sie dem Schlüsselreiz des Kindchenschemas entsprechen.

Im Jahre 2012 wurde der Raubsaurier Sciurumimus erstmals beschrieben. Der Holotyp, ein außergewöhnlich gut erhaltenes Jungtier, das 2009 oder 2010 im bayerischen Painten gefunden worden war, lässt darauf schließen, dass das Kindchenschema bereits bei den Dinosauriern entwickelt war.

Weitere Bedeutung[Bearbeiten]

Die Assoziation des Kindchenschemas mit „süß“ und „niedlich“ wirkt allgemein und auch in Bereichen, die über die ursprüngliche biologische Funktion hinausgehen.

Viele Produkte (z. B. Stofftiere und Puppen) werden mit Hilfe des Kindchenschemas gezielt niedlich gestaltet.

In japanischen Manga und Anime wird das Kindchenschema (besonders groß gezeichnete Augen, überproportional große Köpfe und sehr kleine oder ganz fehlende Nasen) eingesetzt, um die Attraktivität zu erhöhen. Übertrieben wird dies im Super-Deformed-Zeichenstil verwendet. Das ästhetische Konzept, das Unschuld und Kindlichkeit betont und sich auf alle Bereiche der japanischen Gesellschaft ausgedehnt hat, wird mit dem Wort kawaii bezeichnet.

Das Kindchenschema bei Erwachsenen[Bearbeiten]

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Die Universität Regensburg konnte in einer Studie nachweisen, dass erwachsene Männer- und Frauengesichter als besonders attraktiv beurteilt werden, wenn man sie mit Computerhilfe dem Kindchenschema annähert, also einen gewissen Kindchenanteil hinzumischt. Auch in der Kosmetik wird das Kindchenschema eingesetzt, um die Attraktivität zu erhöhen.

Eine erwachsene Person, die dem Kindchenschema entspricht, wird mit positiven Merkmalen assoziiert: Freundlichkeit, Unschuld, Arglosigkeit, Anschein von Jugendlichkeit und Gesundheit, Erwartung von Fruchtbarkeit (Symons 1979).

Das Kindchenschema bei Frauen[Bearbeiten]

Nach Deuisch, Clark und Zalenski (1983) sollten Frauen mit Eigenschaften des Kindchenschemas auf Männer attraktiver wirken, da eine jugendliche Erscheinung mit der Erwartung von Fruchtbarkeit einhergeht. Jedoch meint Buss (1978), dass kindliche Merkmale der Assoziation mit Fruchtbarkeit und der Fähigkeit Kinder aufzuziehen widersprechen könnten. Demnach müsste eine Kombination von Kindchenschema mit Reifemerkmalen den attraktivsten Partner hervorbringen. Zu diesen Merkmalen zählen bei Frauen hohe, hervortretende Wangenknochen, schmale Wangen und dickes Haar.

Braun, Gründl, Marberger und Scherber (2001) untersuchten, inwieweit eine Annäherung der Gesichtsproportionen erwachsener Frauen an das Kindchenschema attraktivitätssteigernd wirkt. Dazu erstellten sie durch Morphing fünf Gesichtsvariationen von sechs verschiedenen Gesichtern, deren Proportionen in 10-%-Schritten an das Kindchenschema angenähert wurden. Aus den Varianten und dem Originalgesicht wählten die Probanden das auf sie am attraktivsten wirkende Gesicht aus. 90,48 % aller Befragten wählten ihren Favoriten aus den dem Kindchenschema angepassten Varianten aus. Im Durchschnitt wurde ein Kindchenschemaanteil von 29,21 % erwählt. Daraus ergibt sich, dass die Charakteristika des Kindchenschemas die Attraktivität von Frauen erhöhen. Auch wurde festgestellt, dass der Gewinn an Attraktivität durch Angleichung an das Kindchenschema von der Attraktivität des Originalgesichts unabhängig ist. Somit kann die Attraktivität einer ohnehin schon attraktiven Frau durch Kindchenschemaattribute noch gesteigert werden.

2009 wurde eine weitere Studie publiziert, aus der hervorgeht, dass die neuronale Aktivität im Nucleus accumbens ansteigt, einer Hirnregion, die als „Belohnungszentrum“ bekannt ist. Daneben sprechen noch weitere Hirnregionen auf das Kindchenschema an, unter anderem Areale, die bei Gesichterverarbeitung und Aufmerksamkeit eine Rolle spielen. Die Forscher vermuten, dass bei Männern ähnliche Prozesse im Gehirn ablaufen könnten.

Das Kindchenschema bei Männern[Bearbeiten]

Hirschberg (1978) fand heraus, dass das Kindchenschema die Attraktivität von Männergesichtern nicht steigert. Zurückzuführen ist dies darauf, dass das hiermit assoziierte Merkmal der Schwäche und Bedürftigkeit nicht mit der sozial erwünschten maskulinen Dominanz einhergehen kann. Dahingegen seien eher Reifemerkmale wie ein großes Kinn, hohe Wangenknochen, tiefe Brauen, schmale Lippen und Augen sowie starker Bartwuchs als Indikator für Zeugungsfähigkeit von Relevanz für männliche Attraktivitätszuschreibungen.

Diesen Annahmen widerspricht eine Studie von Cunningham, Barbee und Pike (1990). Sie gehen von der multiple motive hypothesis of physical attractiveness aus, welche die Attraktivität von Männern für Frauen auf eine Kombination aus kindlichen und reifen Merkmalen zurückführt. Diese Männer erwecken das Gefühl sie versorgen zu wollen, sind aber gleichzeitig mit Reifemerkmalen als Ausdruck von Stärke ausgestattet. Dieses scheinbare Paradox löst sich im Laufe der Experimente auf, da gerade eine Kombination von Reifemerkmalen, wie hohe Wangenknochen (Korrelation mit Physischer Attraktivität: 0,36) und kindlichen Ausprägungen, wie große Augen (Korrelation mit Physischer Attraktivität: 0,49) auf Frauen attraktiv wirken.