Geistliches Lied in den Vereinigten Staaten
Dieser Artikel beschreibt Geschichte und Gegenwart des geistlichen Liedes und des Kirchenlieds in den nordamerikanischen Kolonien und den USA.
Geschichte
Die britischen Kolonien im 17. Jahrhundert
Die im gesamten Empire verbreitete 1661er Ausgabe des Book of Common Prayer und die anglikanische Tradition des Psalmgesangs in englischer Sprache hatten großen Einfluss auf den Gemeindegesang in den britischen Kolonien in Nordamerika. Das erste in Amerika gedruckte Buch war das Bay Psalm Book (1640). Es erfuhr verschiedene Neuauflagen, teilweise mit den bekannten Melodien früherer Psalter, und blieb für über ein Jahrhundert in Gebrauch als Basis für den einstimmigen Gemeindegesang der amerikanischen Kolonien.
Die nordamerikanischen Kolonien im frühen 18. Jahrhundert, die Singing Masters
Die religiöse Kultur der neuenglischen Kolonien war im 17. Jahrhundert durch zwei Gruppierungen religiös motivierter Auswanderer wesentlich geprägt worden: zum einen durch die Puritaner in ihrer Disziplin und Sittenstrenge, zum anderen durch die Baptisten mit ihrem Ideal der unabhängigen Gemeinde.
Dem bewussten Verzicht auf eine formale Kirchenstruktur setzten die Laienprediger der Baptisten das Vertrauen auf den unmittelbaren Ruf Gottes und das persönliche Bibelstudium entgegen. So erreichten sie eine hohe Verbreitung in den Border States und den Südstaaten.
Beide Gruppierungen maßen dem Gesang der Gemeinde eine hohe Bedeutung zu. In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts kam es zu Kontroversen über die Art des Gemeindegesangs: Vertreter des usual way praktizierten einen einstimmigen Gesang der ganzen Gemeinde von mündlich weitergegebenen Melodien. Dagegen forderten Vertreter des regular singings einen mehrstimmigen (meistens vierstimmigen) Gemeindegesang nach Noten. Obwohl regular singing für die gesamte Gesamte intendiert war, führte es doch häufig zu einer Teilung der Gemeinde in Sänger und Nicht-Sänger.
Vor dem Hintergrund der Anforderungen des regular singings entstand in den Nordoststaaten im frühen 18. Jahrhundert die Einrichtung der Singing Schools, zunächst meistens in Gestalt reisender Singing Masters. Singing Masters waren oft selbst ohne traditionelle musikalische Ausbildung. Sie bereisten schwach besiedelte Gebiete und blieben jeweils wenige Wochen an einem Ort, um dort musikalische Grundlagen und den Gesang von Kirchenliedern nach Noten zu lehren. Häufig verkauften Singing Masters selbstzusammengestellte Lehrbücher oder Notenbücher mit eigener geistlicher Gebrauchsmusik.
Der usual way wurde noch bis in das 19. Jahrhundert gepflegt, vor allem in ländlichen Gegenden, deren Bevölkerung häufig wenig Lesen und Schreiben konnte. Häufig Praxis, bereits in einzelnen schottischen und englischen Kirchen üblich, war die Lined-out Hymnody: Ein Vorsänger sang eine einstimmige Melodie zeilenweise knapp vor, die Gemeinde sang die einzelnen Zeilen in langsamen Tempo (oder auch ganz ohne durchgängiges Metrum) mit Glissandi und improvisierten Verzierungen nach. Textliche Basis der Lined-out Hymnody waren metrische Psalmbereimungen und Texte der britischen Tradition, z.B. Texte von Isaac Watts. Musikalische Basis waren die Melodien der Metrical Psalter sowie volksmusikalische Melodien.
Die amerikanischen Kolonien nach 1730: First Great Awakening und First New England School
Angegriffen beispielsweise durch Gedankengut der Aufklärung, durch die negative Berichterstattung über die Salem witch trials oder durch räumliche Isolation waren der religiöse Eifer und das persönliche religiöse Engagement der amerikanischen Puritaner und Kongregationalisten zum 18. Jahrhundert hin beständig zurückgegangen.
Anregungen durch Prediger der englischen Erweckungsbewegung und des entstehenden Methodismus führten in den 1730er bis 1740er Jahren zu einer Erweckungsbewegung in Neuengland. Sie war in ihren Idealen und Ausdrucksformen dem englischen Vorbild vergleichbar, erfasste allerdings vor allem Presbyterianer, Kongregationalisten und Baptisten. Diese erste amerikanische Erweckungsbewegung wird als First Great Awakening bezeichnet. Zu ihren herausragenden Personen gehören der Presbyterianer Tennent, Jonathan Edwards (1703–1758) und der zwischen Großbritannien und Amerika reisende George Whitefield (1714–1770).
Jonathan Edwards war kongregationalistischer Prediger, Missionar und Theologe aus Massachusetts. Als mitreißender Prediger, der wieder zu den strengen Calvinistischen Wurzeln zurückkehren und neu Gottesfurcht wecken wollte, gewann er eine große Anhängerschaft.
George Whitefield, einer der führenden Köpfe des englischen Methodismus, ging 1738 nach Amerika. Als charismatischer Prediger hielt er öffentliche Erweckungsveranstaltungen (Revivals) vor bis zu 20.000 Zuhörern. Seine Predigtstil war wegweisend in seiner Dramatik und Emotionalität und führte regelmäßig zu hysterisch anmutenden Tränenausbrüchen und zu Massenbekehrungen seiner Zuhörer. Durch seine weiten Reisen durch alle amerikanischen Kolonien wurde er eine der bekanntesten amerikanischen Persönlichkeiten seiner Zeit.
Die englischen Kirchenlieder des frühen 18. Jahrhunderts, etwa von Isaac Watts und Charles Wesley, erreichten im First Great Awakening eine große Beliebtheit. Auch beeinflusst vom Psalmgesang und von Volksmusik entstand eine eigenständige vierstimmige a cappella-Musikkultur, die First New England School. Die gemischte Besetzung jeder Stimme mit Frauen- und Männerstimmen ist charakteristisch.
Aktivitäten baptistischer und presbyterianistischer Missionare führte auch zu einer großen Verbreitung der Kirchenlieder Neuenglands in den Süden. Singing Masters arbeiteten mit großem Eifer für die Förderung des regular singings, und der Besuch eines Singing Masters bedeutete für eine Kleinstadt der Südstaaten ein soziales Ereignis, für das weite Anreisen in Kauf genommen wurden. Die vierstimmige A-cappella-Gemeindeliedkultur erreichte im ländlichen Süden eine hohe Popularität. Gegen 1750, als religiöser Eifer und Enthusiasmus wieder zurückgingen, hatte sich das regular singing gegenüber dem usual way weiträumig durchgesetzt.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts brachte die Tradition der Singing Masters einzelne herausragende frühe amerikanische Komponisten hervor, unter ihnen William Billings, Supply Belcher und Daniel Read.
William Billings (1746–1800) wird als Vater des amerikanischen Chor- und Kirchenlieds angesehen. Ohne konventionelle musikalische Ausbildung arbeitete er als Singing Master und veröffentlichte mehrere umfangreiche Sammlungen vierstimmiger Chor- und Kirchenlieder, z.B. The New-England Psalm-Singer (1770) und The Singing Master's Assistant (1778). Neben homophonen Sätzen hat Billings auch schlichte polyphone Chorstücke komponiert, beispielsweise Fuging Tunes. Relativ bekannt ist Billings' Satz Africa – der Titel scheint willkürlich gewählt – in dem es, wie oft in seinen Liedern, keine eindeutige Melodiestimme gibt. Africa wurde u.a. mit einem Text von Isaac Watts unterlegt, zu anderen Sätzen hat Billings eigene Texte gedichtet.
1776 – 1840er Jahre: Singing Schools, Shape Note Music und das Second Great Awakening
Nach der Unabhängigkeitserklärung von 1776 brachten Bevölkerungswachstum und fortschreitende Industrialisierung den USA große soziale Veränderungen. Die Städte vor allem der Nordostküste erlebten ein rasches Wachstum.
Reisende Singing Masters verloren an Bedeutung gegenüber regelmäßigen, ortsgebundenen Singing Schools und festen, institutionalisierten Musikschulen. Im Geist der Industrialisierung wurden 4-stimmige Lehr- und Liederbücher zum Gebrauch in Singing Schools standardisiert und pädagogisch weiterentwickelt. 1801 gaben William Smith und William Little mit The Easy Instructor das erste Chorbuch heraus, das für die unterschiedlichen Stufen der Tonleiter unterschiedliche Notenformen verwendete, um das Singen nach Noten zu erleichtern. Dieses und zahlreiche folgende Chorbücher in Shape-Notation erlangten im Nordosten schnell hohe Beliebtheit, und die geistliche Shape Note-Chormusik erreichte eine hohe Popularität.
Zugleich zum Wachstum der großen Städte erlaubten die Anerkennung der Unabhängigkeit durch Großbritannien (1783) und der Erwerb Louisianas (1804) die Ausbreitung der US-amerikanischen Zivilisation in den entlegensten Westen, wo an der Grenze zur Wildnis die zentrale Regierung nur wenig Autorität auszuüben vermochte. Beide Entwicklungen führten für viele Amerikaner zur Auflösung traditioneller sozialer Bindungen und zu einer wachsenden Verunsicherung.
Verbunden mit dieser Verunsicherung und genährt durch die Säkularisierung des 18. Jahrhunderts und das allgegenwärtige Gedankengut der Aufklärung entstand im amerikanischen Protestantismus die Sorge, in der religiösen Praxis nachlässig und oberflächlich geworden zu sein.
So kam es, beginnend in den 1790er Jahren, zunächst im Süden und im dünn besiedelten alten Südwesten der USA zu einer neuen, konfessionsübergreifenden Erweckungsbewegung. Sie fand ihren Ausdruck in einem neu erwachten religiösen Gefühl und in zahlreichen öffentlichen Bekehrungsveranstaltungen, den Revivals.
Eine der Hauptformen des Revivals war das Camp Meeting. So nannte man mehrtägige religiöse Veranstaltung, oft unter freiem Himmel, die auch Übernachtungen der Hunderte oder Tausende häufig von weither angereisten Teilnehmer einschlossen, Weiße wie Sklaven. Camp Meetings waren geprägt von feurigen Predigten reisender Evangelisten aus den Reihen der Baptisten, Methodisten und Presbyterianer, aber auch von Gesängen, öffentlichen Sündenbekenntnissen, spontanen ekstatischen Ausbrüchen und Tanz. Massenbekehrungen bei Revivals führten mit dazu, dass die Methodisten bis zum 19. Jahrhundert die größte Religionsgemeinschaft in den USA wurden; im Süden wurden die Baptisten die dominante Konfession.
An einem Camp Meeting in Kentucky nahmen 1801 25.000 Menschen teil. Bis zu den 1820er Jahren hatte die Erweckungsbewegung die gesamten USA erfasst. Man sprach vom Second Great Awakening in Anlehnung an die Bewegung in den 1730er-40er Jahren. In den Städten Neuenglands entstanden neue Konfessionen und überkonfessionelle Gesellschaften zur Missionierung und Zivilisierung des Westen und zur Förderung der christlichen Bildung.
Mit der Ausbreitung der Erweckungsbewegung durch Evangelisten wie Charles Grandison Finney ging konfessionsübergreifend eine theologische Verschiebung einher, die auch in den Texten der geistlichen Lieder ihren Niederschlag fand: Die traditionelle calvinistische Lehre der doppelten Prädestination, nach der Gott vor aller Zeit unwiderruflich entschieden habe, wer zu den Erretteten und wer zu den Verdammten zähle, trat zunehmend in den Hintergrund gegenüber einer evangelikal-missionarisch ausgerichteten Glaubenspraxis, die letztlich die Gnade Gottes als durch jeden sich bekehrenden Menschen erreichbar darstellte. Sich bewusst für Gott zu entscheiden, der Sünde zu widerstehen, ein moralisches Leben in persönlicher Beziehung zu Christus zu führen und seinen Glauben zu bezeugen stand im Vordergrund.